Mathematik begleitet uns ein Leben lang – vom Einkaufen über die Steuererklärung bis hin zum Lesen der Uhr. Doch für Menschen mit Dyskalkulie ist der Umgang mit Zahlen oft eine unsichtbare Hürde. Während die meisten Lernschwierigkeiten in Mathe auf mangelnde Übung oder Motivation zurückgeführt werden, steckt bei Dyskalkulie etwas Tieferes dahinter: Das Gehirn verarbeitet Zahlen anders.
Diese Rechenstörung ist keine Frage der Intelligenz, sondern eine besondere Art der Wahrnehmung. Wie bei Legasthenie, die das Lesen und Schreiben betrifft, geht es hier um eine neurobiologische Besonderheit, die gezielte Unterstützung braucht. Doch wie erkennt man Dyskalkulie? Und wie können Eltern, Lehrer und Betroffene damit umgehen?
Stellen Sie sich vor, Sie sehen die Zahl „5“, aber Ihr Gehirn verbindet damit keine konkrete Menge. Für Menschen mit Dyskalkulie ist das oft Realität. Zahlen bleiben abstrakte Symbole, die sich nicht in reale Größen übersetzen lassen.
Ein Kind mit Dyskalkulie kann vielleicht problemlos eine Geschichte nacherzählen, scheitert aber daran, einfache Additionsaufgaben zu lösen. Es vertauscht Ziffern, verwechselt Rechenarten oder braucht ungewöhnlich lange, um Ergebnisse zu finden – nicht aus Unkonzentriertheit, sondern weil die Verbindung zwischen Zahl und Menge im Gehirn anders verarbeitet wird.
Ein Kind zählt mühsam an den Fingern ab, obwohl es längst im Kopf rechnen sollte.
Beim Lesen der Uhr wird aus „Viertel vor drei“ plötzlich „drei Uhr fünfzehn“.
Textaufgaben werden zur Qual, weil der Transfer von Sprache zur Rechnung nicht gelingt.
Diese Schwierigkeiten führen oft zu Frustration, Schulangst oder sogar Selbstzweifeln – obwohl die betroffenen Kinder in anderen Fächern oft gut mithalten können.
„Das gibt sich mit der Zeit“ oder „Mehr üben wird schon helfen“ – solche Ratschläge sind gut gemeint, aber bei Dyskalkulie oft wirkungslos. Denn das Problem liegt nicht in mangelndem Fleiß, sondern in der Art und Weise, wie das Gehirn Zahlen verarbeitet.
Studien zeigen, dass bei Menschen mit Dyskalkulie bestimmte Hirnregionen, die für mathematisches Denken zuständig sind, anders aktiviert werden. Herkömmlicher Matheunterricht, der auf Wiederholung und abstrakte Regeln setzt, erreicht sie daher oft nicht.
Multisensorische Ansätze: Zahlen begreifbar machen – mit Materialien wie Steinen, Abakus oder Bewegungsspielen.
Visualisierung: Mengen bildlich darstellen, z. B. durch Punktefelder oder farbige Markierungen.
Emotionale Entlastung: Druck und Zeitstress verstärken die Blockade – ein geduldiges, spielerisches Umfeld hilft mehr als stures Pauken.
In vielen Bildungssystemen wird Dyskalkulie noch immer unterschätzt. Dabei gibt es längst Konzepte, wie betroffene Schüler fair bewertet und unterstützt werden können:
Mehr Zeit bei Klassenarbeiten, um Denkblockaden auszugleichen.
Hilfsmittel wie Rechenrahmen oder Notizprogramme, um den Arbeitsprozess zu erleichtern.
Individuelle Bewertung, z. B. durch mündliche statt schriftliche Abfragen.
Leider hängt die Umsetzung oft vom Engagement einzelner Lehrer oder Schulen ab. Eltern sollten deshalb früh das Gespräch suchen und – falls nötig – eine diagnostische Abklärung einfordern.
Viele erfolgreiche Menschen hatten oder haben Dyskalkulie. Die Herausforderung liegt nicht in mangelnder Begabung, sondern darin, den richtigen Zugang zu Zahlen zu finden. Mit gezielter Förderung, Verständnis und kreativen Lernmethoden können auch Menschen mit Dyskalkulie mathematische Kompetenzen entwickeln – wenn auch manchmal auf ihrem eigenen Weg.
Wichtig ist:
Früh handeln, bevor Schulangst entsteht.
Stärken fördern, um Selbstvertrauen aufzubauen.
Offen über Dyskalkulie sprechen, um Vorurteile abzubauen.
In der Schweiz gibt es mehrere Anlaufstellen für Informationen, Diagnosen und Hilfen bei Dyskalkulie (Rechenstörung). Hier eine Übersicht:
Verband Dyslexie Schweiz (VDS)
Bietet Beratung, Diagnose-Adressen und Infos zu Dyskalkulie.
📍 www.verband-dyslexie.ch
📞 044 250 66 80
Schulpsychologische Dienste (SPD)
Kostenlose Abklärung und Beratung über die lokale Schule.
📍 Adressen je nach Kanton (z. B. www.schulpsychologie.ch)
Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienste (KJPD)
Medizinische Abklärung (ärztliche Diagnose für Nachteilsausgleich).
Neuropsychologische Praxen
Spezialisierte Abklärung (kostenpflichtig, oft von Krankenkasse teilweise übernommen).
🔍 Suche z. B. über www.npsy.ch
Lerntherapeutische Zentren
Bieten Tests und Förderung an (z. B. Institut für Lerntherapie).
Nachteilsausgleich
Recht auf Hilfsmittel (z. B. Taschenrechner, mehr Zeit) – Antrag über Schule/Kanton.
📍 Infos: EDK-Richtlinien (www.edk.ch)
Heilpädagogische Schulen/Förderklassen
Individuelle Betreuung bei starker Ausprägung.
Lerntherapie-Institute
Z. B. Dyskalkulie-Therapiezentren (gezielte mathematische Förderung).
🔍 Suchtipp: "Dyskalkulie-Therapie [Ihr Kanton]"
Elternvereinigungen
Erfahrungsaustausch und Tipps (z. B. regionaler Elterngruppen).
Krankenkasse
Teilweise Übernahme bei ärztlich diagnostizierter Dyskalkulie (via Zusatzversicherung).
IV (Invalidenversicherung)
Bei schweren Fällen möglich (Antrag nötig).